Die Vielfalt der Ringen am Dolch

Als ich damit begann mich für den Dolch zu interessieren, war meine erste Quelle Hans Talhoffer. Ich glaube das Cod. icon. 394a war das erste das ich durchgearbeitet hatte. Anschließend machte ich mich nach und nach an die anderen Werke von Hans Talhoffer. Weil ich hoffte das dort vielleicht nicht ganz so sparsam mit erklärendem Text umgegangen worden wäre, oder eine Technik vielleicht noch mal zu einem anderen Zeitpunkt der Ausführung abgebildet worden wäre, oder aber Brüche auf Techniken zu finden wären.
Der Wunsch nach mehr Text wurde nicht erfüllt. Der Wunsch nach identischen Techniken die zu unterschiedlichen Zeitpunkten abgebildet waren, wurde wie auch die Suche nach Brüchen zum geringen Teil erfüllt. Was ich nicht zu finden erwartet hätte aber dennoch fand, waren ein paar fechterische Hinweise.
Und ich fand immer wieder neue Techniken. Viele waren identisch mit anderen Werken Hans Talhoffers, aber es kamen immer wieder neue hinzu.

Da Hans Talhoffer mit Text ja bekanntlich nicht sehr großzügig umging, ich aber noch so viele Fragen zum Dolchfechten hatte, suchte ich nach weiteren Schriften die sie mit dem Dolch beschäftigen. Unter anderem Joachim Meyer, Paulus Kal, Peter Falkner, dem Codex Wallerstein, Martin Hundtsfeldt, dem Goliath, der Gladitoria, uvm.
Dabei bekam ich viele Fragen beantwortet und ich fand auch identische Techniken die in den verschiedenen Schriften auf unterschiedliche Art und weise beschrieben waren.  Nicht sehr viele, aber ich fand welche.

Was ich aber vor allem fand, waren Unmengen an Dolchtechniken. Es gibt nur eine sehr übersichtliche Anzahl an Techniken die sich in verschiedenen Schriften finden lassen.
Ansonsten verfügt fast jede Handschrift über „ihre eigenen“ Ringen am Dolch.
Die größte Übereinstimmung der in den Schriften wiedergegebenen Dolchtechniken findet sich in den Schriften von Hans Talhoffer und Paulus Kal.
Wobei Paulus Kal mit seinen Ringstücken für mich auf eine andere Art bemerkenswert ist, aber dazu später mehr.
Ansonsten, sind zwar die Eingänge und Veratze, die ja meist die Eingänge bilden, in den Schriften mehr oder weniger die selben. Aber die Vielzahl der Ringen am Dolch ist schon beachtlich.
Aber wie kommt das? Vor allem da diese Technikvielfalt im Vergleich mit anderen Waffensystemen eher untypisch ist. Natürlich gibt es auch bei anderen Waffengattungen eine Vielzahl an Techniken. Aber sie beziehen sich z.B. beim Langen Schwert fast immer erst mal auf Meister Liechtenauer, beim Messer auf Lecküchner. Zumindest im 15. und angehenden 16. Jahrhundert. Aber beim Ringen am Dolch macht jeder Seins.

Nun wieder zu Paulus Kal, denn er hat mich da auf eine interessante Idee gebracht. Dafür das die Werke von Paulus Kal doch sehr umfangreich sind, ist sein Dolchteil erstaunlich schmal. Warum?
Ich glaube das die Antwort im Ringen liegt. Wozu braucht man viele Dolchstücke wenn man die Eingänge mit dem Dolch hat und Ringen kann?
Oder wie Thore Wilkens zu sagen nie müde wird, alles Fechten kommt aus dem Ringen.
Legt man bei den Ringen am Dolch den Dolch einfach mal beiseite, funktionieren alle Ringen am Dolch dennoch. Man hat dann eine Waffenloses Kampfsystem das auch ohne Dolch funktioniert, die Stiche mit dem Dolch ersetzt man durch Schläge.
So das ich glaube, das sich die Vielfalt der Ringen am Dolch dadurch erklärt das jeder Fechtmeister die allgemeinen Eingänge mit dem Dolch verwendet hat und sie mit seine Ringstücken kombiniert hat.