Impressionen vom 1. Treffen Historischer Fechter Mitteldeutschland

Ich warte schon seit zehn Minuten am Hauptbahnhof, als Clemens kurz vor der vereinbarten Zeit am Treffpunkt ankommt. Denn für mich ist es eine besondere Fahrt. Es ist das erste Mal, dass ich Fechter außerhalb Twerchhau treffen soll.

20150710AL_auf der Fahrt - nur für Bericht verwendenDer Frage, was ich für ein solches Event benötigen würde, stellte ich mir an dem Tag vor der Abreise (oder besser gesagt: in der Nacht). Bedanken will ich mich an dieser Stelle bei Ralf, der mir sein eigenes Einhandschwert zur Verfügung stellte. Da seine Hand aufgrund eines gerade verheilenden Bruchs, immer noch trainingsuntauglich war. Auch hatte ich eine vereinseigene Fechtmaske sowie einen Buckler ausgeliehen. Mein eigenes Langschwert und ein Holzdolch befanden sich auch in meinem „Waffenarsenal“. Alle „Waffen“, den Dolch ausgenommen, sollten bis zur Abreise ihre Zeit bekommen.

Nachdem wir uns alle auf dem Gleis zusammengefunden hatten, konnte die Fahrt nach Thüringen beginnen.
Viel über sie zu schreiben wäre vergebliche Liebesmüh: Zweimal mussten wir umsteigen, doch beide Male verlief alles ohne 20150711AL_ThFM_LM-5Komplikationen. Erstmals nur den Blick auf das gegenüberliegende Gleis schwenkend, mussten wir beim zweiten Umsteigen die Plattform wechseln. Trotz einer kleinen Verspätung und Clemens anhaltendem Rauchkonsum meisterten wir auch dies.

Nach einer kurzen und improvisierten Fahrt mit der Tram, trafen wir im Jugendgäste- und Bildungshaus  „Rotleimmühle“ ein und wurden von den Organisatorenteam des ersten Treffen Historischer Fechter Mitteldeutschland herzlich empfangen.

Paul Becker, der Hauptorganisator der Veranstaltung, stellte seinen Zeitplan aufgrund der Verspätung einiger Fechter ein wenig um: Die Vorstellungsrunde, ursprünglich an erster Stelle stehend, wich der Stadtführung und fand Abends in Verbindung mit dem gemeinsamen Grillen statt.

Die Stadtführung wurde durch den ehemaligen Stadtarchivar Nordhausens durchgeführt: Einen langjähriger Bekannten Pauls, mit besten Kenntnissen über die Stadtgeschichte Nordhausens. Ich fasse hier die wichtigsten Informationen zusammen:

Nordhausen war früher wegen den vielen Ziegeleien und vor allem aufgrund der Schnapsbrennereien bekannt, die jedoch 1945 größtenteils zerstört wurden. Genauer gesagt: am 3.-4. April 1945. Über 8000 Menschen starben bei der Bombardierung, mehr als die Hälfte aller Wohnungen wurden zerstört.

20150710_205248 IMG_1778Unser Weg führte uns entlang des Bochumer Hauses, des Mecklenburger Hofes und auch des Doms zum heiligen Kreuz. Wir betrachteten die Kopie des Nordhäuser Rolands von 1717, die die verschiedenen Freiheiten der Stadt symbolisierte: Das Mark- und Münzrecht sowie die oberste Gerichtsbarkeit, die Nordhausen als Freie Reichsstadt zustand.

 

Die Nordhäuser Altstadt hatte viele interessante und hübsche Gebäude sowie Ecken zu bieten, deren Geschichten uns durch Anekdoten des fachkundigen Führers näher gebracht wurden. Leider nahm unsere Aufmerksamkeit bedingt durch die lange Anreise und das immer größer werdende Hungergefühl stetig ab, und so freuten wir uns alle, als wir nach Beendigung des umfangreichen Einblickes in die Nordhäuser Geschichte den Rückweg zur Jugendherberge antraten. Schnellen Schrittes zog es uns zum bereits brutzelnden Grillgut. Jeder hatte vorab bei der Anmeldung zum Wochenende ein Grillpaket bestellt. Doch ging es ein wenig drunter und drüber: Überprüft, wie viel man sich nahm, wurde nicht — was sich im Endeffekt jedoch nicht als allzu schlecht herausstellte, da mehr als genug von allem herangeschafft worden war.

Da ich die Vorstellungsrunde weder inhalts- noch sinngemäß wiedergeben will noch kann, liste ich an dieser Stelle alle Teilnehmergruppen und Workshopleiter auf, denn auch ihnen gebührt unser Dank:

  • Die Gastgeber In Motu – Historisch Europäische Kampfkünste mit Paul Becker als Leiter des Kurses „Einhandwaffen nach Joachim Meyer“ am Sonntag
  • INDES – Historische Fechtkünste Halle a.d. Saale e.V. mit Phillip Gerson als Leiter der Kurse „Halbe Stange“  am Sonntag und „Langes Messer“ und Sören Riedel als Leiter des Kurses „Langes Messer“ am Samstag
  • Blossfechter zu Chemnitz mit Thore Wilkens als Leiter des Kurses „Kampfringen“ am Sonntag
    und Cornelius Berthold als Leiter des Kurses „Bucklerfechten“ am Samstag
  • Stahlakademie mit Torsten Schneyer als Leiter des Kurses „Langes Schwert“ am Samstag
  • Twerchhau mit Clemens Nimscholz als Leiter des Kurses „Dolchfechten“ am Sonntag

Weitere Teilnehmer waren Mitglieder aus den HEMA-Vereinen Schwertspiel Dresden, Schwertfechten Nordhessen und Solve et Coagula aus Fulda.

Selbsterklärend wurden in allen diese Kursen nur Grundlagen bzw. eine Einführung vermittelt, sowie einen möglichst komplexen Eindruck erweckt, denn nicht umsonst stand das Treffen unter dem Motto:

„Lerne eine neue Waffe kennen“

Das Frühstück begann am ersten Trainingstag ungewohnt um 7 Uhr. Nach dem Essen stand jedem die Wahl zwischen zwei Wegen zur Trainingshalle offen: Der Fahrt mit den Autos, in denen wir unsere Waffensimulatoren (wir trainieren mit stumpfen Trainingssimulatoren aus u.a. Stahl, Aluminium und Holz) und Ausrüstung verfrachtet hatten, oder ein gemütlicher „Guten Morgen-Lauf“, den eine Handvoll von Teilnehmern wahrnahm.

Die Halle an sich war größer, als erwartet. Alle drei bzw. vier parallel ablaufenden Workshops fanden ohne gegenseitige Berührung statt, es sei denn, man wollte sich während einer kurzen Pause einen kleinen Eindruck von den anderen Kursen verschaffen. Mein Plan war am ersten Tag, am Vormittag den ersten Teil des Kurses „Langes Schwert“ und am Nachmittag den zweiten Teil des Kurses „Bucklerfechten“ zu besuchen. Jeder Kurs war auf zwei Teile aufgeteilt, getrennt durch das Mittagessen und einen theoretischen Teil. Der Einsteigerkurs zum „Langen Schwert“ von Torsten Schneyer drehte sich um die verschiedenen Fechtzeiten sowie um die Stärke und Schwäche des Schwertes (also um die fünf Wörter Lichtenauers). Im Mittelpunkt stand ein Diagramm, dessen x-Achse von Schwach zu Stark, die y-Achse von Nach zu Vor ging. Ziel sollte es immer sein, stark in das Vor zu gelangen. Anhand dieses Schemas analysierten wir verschiedene Fechtstücke und führten sie gen Ende den anderen Kursteilnehmern vor, was sehr hilfreich war.

IMG_0483Nachdem die Sammelbestellung zum Mittagessen angekommen und alle Teilnehmer zufriedengestellt waren, gab es einen theoretischen Teil mit einem Vortrag und anschließender Diskussionsrunde. Sonja Heer, Präsidentin des Deutschen Dachverbandes Historischer Fechter (DDHF e.V.) hielt einen kurzen Vortrag über die Aufgaben und Strukturen des Verbandes. Danach ging es in den zweiten Teil der Veranstaltung. Zum Ende machte ich kurz beim Einsteigerkurs „Bucklerfechten“ von Cornelius Berthold mit.

Gegen 17.30 Uhr machten wir uns auf dem Weg zurück zur Jugendherberge. Am Abend stand eine Besichtigung der Ruine der „Burg Hohnstein“ an. IMG_1797Paul Becker, der seit seiner Jugend im Hohsteiner Mittelalterverein e.V. aktiv ist ( Er fungiert als 1. Vorsitzender) und auch seine Masterarbeit über dieses Thema geschrieben hat, gab uns eine interessante Führung. Danach ging es hinunter in den Burggasthof, wo wir Hohnsteiner Schnitzel aßen. Den Abend ließen wir am Lagerfeuer mit Schnaps und einem wunderschönen Ausblick über das südliche Harzvorland ausklingen. Während beim Lagerfeuer viel „networking“ betrieben wurde (auch ein Ziel der Veranstaltung), diskutierten wir auch, wer diese Veranstaltung das nächste Jahr ausrichten sollte. Zur Auswahl hatten sich drei Vereine bzw. Schule gestellt: INDES Halle a.d. Saale, Schwertspiel Dresden und die Stahlakademie aus Leipzig. Nach einer offenen Abstimmungsrunde ging die Organisation des Treffens an die Stahlakademie. Dann werden wir wohl nächstes Jahr nach Leipzig fahren; ist auch nicht so weit weg von Berlin.

Anders als am ersten Tag war Pauls Training. Nach einer für mich gefühlt ewigen theoretische Einführung in das Thema — alle anderen Workshops waren schon eifrig an den „Waffen“  — begannen wir, ebenfalls aktiv zu werden. Der Kurs basierte auf Anweisungen für Einhandwaffen von Joachim Meyer. Langsam beginnend und die Ausführung richtig nachahmend, wurden die Bewegungen mit der Zeit immer flüssiger, bevor ein neuer Ablauf den alten ablöste und alles von vorne begann… Trotz der lange dauernden Einführung vermittelte Paul die Trainingsinhalte präzise. Seine innere Aufteilung der Fechtstücke erleichterte das Lernen (und somit das Fechtgefühl und die Klingenkontrolle) ungemein. Mich, den unerfahrensten Teilnehmer des Kurses, nahm er sich selbst zur Seite, achtete besonders auf meine Fehler und half mir, diese zu verbessern.
Nach der Mittagspause gab es, wie am Vortrag, einen theoretischen Teil mit anschließender Diskussion. Dieses Mal präsentierte Thore Wilkens uns Hilfen für Methoden der Analyse von historischen Schriften (selbstverständlich die Schwertkunst betreffend). Es war ein interessanter Vortrag, nur leider bestand das Problem bei beiden Präsentationen in der nach dem Essen aufkommende Müdigkeit. Mehrmals fiel ich in Sekundenschlaf, ständig in Sorge, mich vor allen anderen bloßgestellt zu haben. Am Nachmittag ging es in den zweiten und letzten Teil der Veranstaltung. Das Wochenende wurde in großer Runde und Danksagung an alle Teilnehmenden und Organisatoren beendet. Ein besonderes „i-Tüpfelchen“ war, dass alle Teilnehmer und Workshopleiter eine Urkunde mit ihren Namen als Teilnahmebestätigung überreicht bekamen! Insgesamt haben ca. 30  Personen teilgenommen.IMG_0511

Unsere Abfahrt war eilig. Aufgrund von Regen wurde beschlossen, mit einem Taxi zum Bahnhof zu fahren. Und das, wegen Zeitmangels, direkt von der Turnhalle, zu der wir schon all unsere Sachen mitgenommen hatten.
Die Rückfahrt ging schneller als die Hinfahrt. Mit nur zweimal umsteigen und einer Fahrt mit dem ICE kamen wir schnell nach Berlin — und zu großer Freude aller (außer Clemens, denn der wollte zum Hauptbahnhof) — fuhren wir am Südkreuz vorbei. Der restliche Weg nach Hause war nur der kleinste Schritt in diesem – meinem bisher — größten Abenteuer mit Twerchhau.
Es hatte sich gelohnt. Nochmals vielen Dank an Paul Becker und seinem Team für die Organisation des Events.

P.S. Wer auf Facebook unterwegs ist; es gibt eine Gruppe „Historisches Fechten Mitteldeutschland“, in der ihr neuste Informationen und Veranstaltungshinweise von den Gruppen und Vereinen findet.

Hier noch ein Videozusammenschnitt der Veranstaltung.